Die unsichtbare Gefahr in der Pharmaproduktion
In der pharmazeutischen Herstellung können bereits mikroskopisch kleine Verunreinigungen zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Eine der häufigsten, aber oft unterschätzten Herausforderungen ist die Partikelanhaftung an Edelstahloberflächen in Produktionsbehältern, Trichtern und Transfersystemen.
Die Zahlen sprechen für sich: Bis zu 15% der weltweiten Produktionsausfälle in der Pharmaindustrie sind auf Kontaminationsprobleme zurückzuführen, wobei Partikelanhaftung eine zentrale Rolle spielt. Die durchschnittlichen Kosten eines Produktrückrufs in der Pharmaindustrie liegen bei €8-15 Millionen – ganz zu schweigen von Reputationsschäden und regulatorischen Konsequenzen.
Doch was genau verursacht diese Anhaftung? Welche wissenschaftlichen Mechanismen stecken dahinter? Und vor allem: Welche modernen Lösungsansätze bieten nachhaltige Abhilfe?
Die Wissenschaft hinter der Partikelanhaftung
Physikalische Grundlagen: Van-der-Waals-Kräfte
Die Hauptursache für Partikelanhaftung liegt in den sogenannten Van-der-Waals-Kräften – schwache intermolekulare Anziehungskräfte, die zwischen Molekülen wirken. Bei sehr feinen Pulvern (typischerweise <100 µm) übersteigt die Adhäsionskraft die Gravitationskraft um ein Vielfaches.
Forschungsergebnisse der Hochschule Konstanz in Kooperation mit BOLZ INTEC zeigen:
- Bei Partikeln mit 15-25 µm Durchmesser können Haftkräfte bis zu 1000-mal stärker sein als das Eigengewicht
- Die Kontaktfläche zwischen Partikel und Oberfläche ist der entscheidende Faktor
- Oberflächenrauheit beeinflusst das Anhaftverhalten dramatisch – aber nicht linear
Der Einfluss der Oberflächenbeschaffenheit
Ein weit verbreiteter Irrtum: “Je glatter die Oberfläche (niedrigerer Ra-Wert), desto geringer die Anhaftung.”
Die Realität ist komplexer: Unsere Forschung mit Rasterelektronenmikroskopie (REM) zeigt, dass zwei Oberflächen mit identischem Ra-Wert völlig unterschiedliches Anhaftverhalten aufweisen können – abhängig von:
- Oberflächentopografie: Spitze Strukturen vs. abgerundete Täler
- Bearbeitungsrichtung: Kreuzschliff vs. unidirektionaler Schliff
- Mikrostrukturen: Risse, Einschlüsse, Verformungen
- Chemische Oberflächenzusammensetzung: Oxidschichten, Verunreinigungen
Tabelle: Einflussfaktoren auf Partikelanhaftung
| Faktor | Einfluss auf Anhaftung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Partikelgröße | Sehr hoch (exponentiell bei <50 µm) | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Oberflächenrauheit (Ra) | Hoch (aber nicht linear) | ⭐⭐⭐⭐ |
| Oberflächentopografie | Sehr hoch (bei gleichem Ra) | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Luftfeuchtigkeit | Mittel (Kapillarkräfte) | ⭐⭐⭐ |
| Elektrostatische Aufladung | Mittel bis hoch | ⭐⭐⭐⭐ |
| Produkttemperatur | Gering bis mittel | ⭐⭐ |
| Materialzusammensetzung (Produkt) | Hoch (hygroskopisch vs. hydrophob) | ⭐⭐⭐⭐ |
Risiken für Pharmahersteller: Mehr als nur Reinigungsaufwand
1. Chargenkontamination und Cross-Kontamination
Die größte Gefahr besteht in der Verschleppung von Wirkstoffen zwischen verschiedenen Produktchargen. Selbst nach intensiven Reinigungsprozessen können in mikroskopischen Oberflächendefekten Rückstände verbleiben, die bei der nächsten Befüllung freigesetzt werden.
Praxisbeispiel: Ein führender Generikahersteller musste drei komplette Produktchargen (Gesamtwert: €4,2 Millionen) vernichten, weil Spuren eines Antibiotikums in einem als “sauber” freigegebenen Behälter nachgewiesen wurden.
2. Produktionsausfälle und Verzögerungen
Typisches Szenario:
- Geplante Reinigungszeit: 2 Stunden
- Tatsächliche Reinigungszeit bei starker Anhaftung: 6-8 Stunden
- Produktionsverzögerung: 4-6 Stunden pro Charge
- Bei 50 Chargen/Jahr: 200-300 Stunden Stillstand = €150.000-€300.000 Verlust
3. GMP-Compliance und regulatorische Risiken
Die EU GMP-Richtlinien (Annex 1, 2022) sowie FDA 21 CFR Part 211 fordern explizit:
- Validierte Reinigungsverfahren
- Nachweislich rückstandsfreie Oberflächen
- Risikominimierung für Cross-Contamination
Konsequenzen bei Verstößen:
- Warning Letters (öffentlich einsehbar)
- Import Alerts (USA-Marktzugang blockiert)
- Produktionsstopps
- Strafzahlungen (bis zu €10 Millionen)
4. Erhöhter Ressourcenverbrauch
Versteckte Kosten durch Partikelanhaftung:
| Ressource | Mehrverbrauch bei starker Anhaftung | Jährliche Mehrkosten (Beispiel 50 Chargen) |
|---|---|---|
| Reinigungswasser | +150-200% | €12.000-€18.000 |
| Detergenzien | +120-180% | €25.000-€40.000 |
| Energie (Heißwasser, Dampf) | +100-150% | €15.000-€25.000 |
| Arbeitszeit | +200-300% | €45.000-€75.000 |
| Produktverlust (Anhaftung) | 2-5% der Charge | €80.000-€200.000 |
| GESAMT | – | €177.000-€358.000 |
Konventionelle Lösungen und ihre Grenzen
Standardschleifen und mechanisches Polieren
Das Verfahren: Mechanisches Abtragen mit Schleifbändern oder Schleifpapier (Körnung 120-400)
Vorteile:
- ✅ Kostengünstig
- ✅ Schnell durchführbar
- ✅ Weit verbreitet
Nachteile:
- ❌ Inkonsistente Ergebnisse (abhängig von Anpressdruck, Werkzeugverschleiß)
- ❌ Mikrorisse durch mechanische Belastung
- ❌ Unidirektionale Schleifrillen (Sollbruchstellen für Bakterien)
- ❌ Keine Reproduzierbarkeit zwischen verschiedenen Behältern
- ❌ Ra-Werte typischerweise 0,8-1,2 µm (für High-End-Anwendungen unzureichend)
Elektropolieren
Das Verfahren: Elektrochemisches Abtragen in Säurebad (typisch: Phosphorsäure/Schwefelsäure)
Vorteile:
- ✅ Sehr glatte Oberflächen (Ra <0,4 µm)
- ✅ Entfernung von Oberflächenverunreinigungen
- ✅ Bildung schützender Chromoxidschicht
- ✅ Gute optische Ästhetik
Nachteile:
- ❌ Hohe Kosten (€150-€300 pro Behälter)
- ❌ Umweltbelastung durch aggressive Chemikalien
- ❌ Entsorgungsprobleme (Säureabfälle)
- ❌ Limitiert auf bestimmte Geometrien
- ❌ Keine gezielte Beeinflussung der Oberflächentopografie
- ❌ Kann bestehende Mikrodefekte “verschleiern” statt beseitigen
Vergleichstabelle: Traditionelle Verfahren
| Kriterium | Standardschleifen | Elektropolieren | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Ra-Wert | 0,8-1,2 µm | 0,2-0,4 µm | Elektropolieren besser |
| Reproduzierbarkeit | Gering (±30%) | Gut (±10%) | Elektropolieren besser |
| Kosten | €30-€60/Behälter | €150-€300/Behälter | Standardschleifen günstiger |
| Umweltverträglichkeit | Mittel (Schleifstaub) | Gering (Chemikalien) | Beide problematisch |
| Durchlaufzeit | 1-2 Stunden | 4-8 Stunden | Standardschleifen schneller |
| Anhaftungsreduzierung | Basis (1x) | 2-3x besser | Elektropolieren besser |
| Topografie-Kontrolle | Nein | Begrenzt | Beide unzureichend |
Fazit: Beide Verfahren haben signifikante Limitierungen – besonders bei High-End-Anwendungen mit ultrafeinsten Pulvern (<25 µm) wie in der Nanotechnologie, API-Produktion oder Biotechnologie.
Moderne Ansätze: Optimized Grind Finishing® (OGF)
Was ist OGF®?
Das Optimized Grind Finishing®-Verfahren ist ein patentiertes Oberflächenveredelungsverfahren (Patent DE 10 2020 129 779), das in mehrjähriger Forschungskooperation zwischen BOLZ INTEC und der Hochschule Konstanz entwickelt wurde.
Der Kern-Unterschied: Während traditionelle Verfahren primär den Ra-Wert reduzieren, optimiert OGF® gezielt die dreidimensionale Oberflächentopografie – die räumliche Anordnung von Erhebungen und Vertiefungen.
Die wissenschaftliche Grundlage
Forschungserkenntnisse aus über 500 Prüfzyklen mit REM-Analyse:
- Nicht alle “glatten” Oberflächen sind gleich:
- Oberfläche A: Ra 0,3 µm, spitze Strukturen → hohe Anhaftung
- Oberfläche B: Ra 0,3 µm, abgerundete Plateaus → 75% weniger Anhaftung
- Die Bearbeitungsrichtung ist entscheidend:
- Unidirektionaler Schliff: Partikel “fallen” in Rillen
- OGF®-Multidirektionaler Abtrag: Keine bevorzugten Anhaftungszonen
- Hydrophobe Eigenschaften:
- OGF®-Oberflächen: Kontaktwinkel 95-105° (stark hydrophob)
- Standardschliff: Kontaktwinkel 60-70° (moderat hydrophil)
- Resultat: Wasser und wasserhaltige Medien “perlen ab”
Messbare Verbesserungen: Die OGF®-Vorteile
| Parameter | Standardschleifen | Elektropolieren | OGF® | Verbesserung OGF® vs. Standard |
|---|---|---|---|---|
| Ra-Wert | 0,8-1,2 µm | 0,2-0,4 µm | 0,1 µm | 95% feiner |
| Anhaftung (15-25µm Partikel) | 100% (Basis) | 40-50% | <25% | 75% weniger |
| Reinigungszeit | 100% (Basis) | 60-70% | 25% | 75% schneller |
| Fließgeschwindigkeit (viskos) | 100% (Basis) | 150% | 300% | 3x schneller |
| Reproduzierbarkeit | ±30% | ±10% | ±3% | 10x konsistenter |
| Lebensdauer Oberfläche | 5-8 Jahre | 8-12 Jahre | 15-20 Jahre | 2-3x länger |
Praxisbeispiel: Fallstudie API-Hersteller
Ausgangssituation:
- Produkt: Hochaktiver pharmazeutischer Wirkstoff (API), Partikelgröße 18 µm
- Problem: 8-12% Produktverlust durch Anhaftung in 200L-Edelstahlbehältern
- Reinigungsaufwand: 4-5 Stunden pro Charge
- 40 Chargen/Jahr
Lösung:
Umstellung auf OGF®-veredelte BOLZ INTEC Behälter
Ergebnisse nach 12 Monaten:
- ✅ Produktverlust reduziert auf <2% (Einsparung: €185.000/Jahr)
- ✅ Reinigungszeit: 1 Stunde (Einsparung: 120-160 Arbeitsstunden/Jahr)
- ✅ Wasserverbrauch: -65% (Nachhaltigkeitsziel erreicht)
- ✅ Null Cross-Contamination-Vorfälle (vorher: 2-3/Jahr)
- ✅ ROI in <18 Monaten
“Mit den OGF®-Behältern haben wir nicht nur ein Produktionsproblem gelöst – wir haben einen Wettbewerbsvorteil gewonnen. Die Konsistenz ist beeindruckend.”
Fazit: Die Zukunft gehört wissenschaftsbasierten Lösungen
Partikelanhaftung ist kein unvermeidbares Übel, sondern ein lösbares technisches Problem – wenn man die zugrunde liegenden physikalischen Mechanismen versteht und mit innovativen Technologien adressiert.
Die drei wichtigsten Erkenntnisse:
- Ra-Werte allein sind unzureichend: Die Oberflächentopografie ist der entscheidende Faktor
- Traditionelle Verfahren stoßen an Grenzen: Besonders bei ultrafeinsten Pulvern (<25 µm) sind neue Ansätze erforderlich
- Der Business Case stimmt: ROI in 12-24 Monaten durch reduzierte Verluste, schnellere Reinigung und höhere Compliance
Ihre nächsten Schritte:
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📥 Optimized Grind Finishing®: Wissenschaftliche Grundlagen und Praxisanwendung
24 Seiten technische Details | REM-Aufnahmen im Vergleich | ROI-Kalkulator | Validierungsprotokoll-Vorlage
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Partikelanhaftung
1. Wie messe ich Partikelanhaftung objektiv?
Antwort: Die gebräuchlichsten Methoden sind:
- Gravimetrische Messung: Gewichtsvergleich vor/nach Entleerung (Genauigkeit: ±0,1%)
- Visuelle Inspektion mit Boroskop: Qualitativ, aber subjektiv
- Digitale Bildanalyse: Softwaregestützte Quantifizierung von Rückständen
- ATP-Biolumineszenz: Für organische Rückstände
Empfehlung: Kombination aus gravimetrischer Messung (quantitativ) und visueller Inspektion (qualitativ). BOLZ INTEC bietet Testbehälter für Vergleichsmessungen.
2. Ist OGF® mit allen Edelstahltypen kompatibel?
Antwort: OGF® ist optimiert für hochlegierte, austenitische Edelstähle, insbesondere:
- 1.4404 / 316L (Standard Pharma/Kosmetik)
- 1.4435 / 316L (niedriger Kohlenstoffgehalt)
- 1.4539 / 904L (hochkorrosionsbeständig)
- Hastelloy C-22 (Spezialanwendungen)
Für Sonderwerkstoffe (z.B. Titan) sind Machbarkeitstests erforderlich.
3. Wie lange hält eine OGF®-Oberfläche?
Antwort: Bei sachgemäßer Nutzung und regelmäßiger Wartung:
- Durchschnittliche Lebensdauer: 15-20 Jahre
- Kritische Faktoren: Art der Reinigung (mechanisch vs. CIP), Produktabrasivität
- Regeneration: Bei Beschädigung kann OGF® re-appliziert werden
Vergleich: Standardgeschliffene Oberflächen zeigen nach 5-8 Jahren deutliche Degradation.
4. Welche Validierung ist für OGF®-Behälter erforderlich?
Antwort: Analog zu anderen Prozessausrüstungen:
- DQ (Design Qualification): Spezifikationsprüfung (Ra-Wert, Materialzertifikat)
- IQ (Installation Qualification): Dokumentation, Kennzeichnung
- OQ (Operational Qualification): Reinigungsvalidierung (3 erfolgreiche Zyklen)
- PQ (Performance Qualification): Routinemonitoring über 20-30 Chargen
BOLZ INTEC stellt Validierungspakete mit vorbereiteter Dokumentation bereit.
5. Kann ich bestehende Behälter nachträglich mit OGF® veredeln?
Antwort: Ja, in vielen Fällen möglich:
- Voraussetzungen: Behälter aus einem der unter 2. genannten Werkstoffe, keine schweren Beschädigungen
- Prozess: Transport zu BOLZ INTEC → Inspektion → OGF®-Bearbeitung → Qualitätsprüfung
- Dauer: 2-4 Wochen (abhängig von Anzahl/Größe)
- Kosten: Typischerweise 40-60% günstiger als Neubeschaffung
Tipp: Lohnt sich besonders bei Sonderkonstruktionen oder großen Druckbehältern (>500 L).
6. Wie verhält sich OGF® bei hochviskosen Produkten?
Antwort: Hervorragend. Die hydrophoben Eigenschaften von OGF®-Oberflächen führen zu:
- 3x höhere Fließgeschwindigkeit (gemessen bei 50.000 mPas)
- Drastisch reduzierte Entleerungszeit: z.B. 500L-Behälter mit Honig: 45 min → 12 min
- Weniger Produktverlust: <1% statt 5-8%
Besonders relevant für: Cremes, Pasten, Gele, hochviskose Öle.
7. Welche Umweltvorteile bietet OGF®?
Antwort: Signifikante Einsparungen:
| Ressource | Einsparung vs. Standard | CO₂-Äquivalent/Jahr |
|---|---|---|
| Wasser | 60-70% | 12-18 t CO₂ |
| Reinigungschemikalien | 65-75% | 8-15 t CO₂ |
| Energie (Heißwasser) | 50-60% | 20-30 t CO₂ |
| Produktverlust (weniger Neuproduktion) | 70-80% | 50-100 t CO₂ |
Gesamt-CO₂-Reduktion: 90-163 t/Jahr (bei 50 Chargen) – entspricht 19-34 PKW weniger.
Zusätzlich: Keine aggressiven Chemikalien im Herstellungsprozess (im Gegensatz zu Elektropolieren).
Über den Autor
Cornelius Mauch ist Geschäftsführer der BOLZ INTEC GmbH und gilt als Experte für hygienegerechte Edelstahlverarbeitung. Unter seiner Führung entwickelte BOLZ INTEC in Kooperation mit der Hochschule Konstanz das patentierte Optimized Grind Finishing®-Verfahren. Er ist regelmäßiger Speaker auf internationalen Pharmamessen wie ACHEMA, POWTECH und PharmaCongress.




